23 000 LEBEN
Hinter der Kamera
Vier Fragen an die Crew und Stimmen der Menschen hinter der Mission der Iuventa.
Gespräche mit Szenenbild, Musik und Kamera — und mit den Menschen, deren Geschichte der Film erzählt.
VIER FRAGEN · SZENENBILD
Vier Fragen an Christian Goldbeck (Szenenbild)
Was gefällt Ihnen an dem Film, warum wollten Sie mit dabei sein?
Mich hat an 23 000 Leben vor allem fasziniert, dass der Film von jungen Menschen erzählt, die aus einer Idee heraus etwas unglaublich Konkretes geschaffen haben. Diese Energie, dieser Idealismus und gleichzeitig auch der Mut, wirklich Verantwortung zu übernehmen, haben mich sehr berührt. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftlich wieder stärker Abgrenzung und Polarisierung im Vordergrund stehen, fand ich es wichtig, an einem Film mitzuwirken, der von Gemeinschaft, Haltung und Menschlichkeit erzählt.
Mich hat besonders interessiert, das damalige Berlin dieser jungen Aktivistengruppe einzufangen: eine offene, diverse Stadt voller Diskussionen, unterschiedlicher Meinungen und gleichzeitig voller Gemeinschaftlichkeit. Die WG der Hauptfiguren sollte nicht wie ein dekoriertes Filmset wirken, sondern wie ein echter Lebensraum – improvisiert, warm, politisch und kreativ. Über das Szenenbild wollten wir auch emotional vermitteln, was diese Gruppe zusammengehalten hat.

Wie haben Sie die Arbeit erlebt, insbesondere mit Markus Goller?
Markus Goller und ich sprechen immer sehr früh darüber, wie sich eine Welt anfühlen muss, bevor wir über einzelne Bilder sprechen. Bei 23 000 Leben haben wir uns intensiv mit der damaligen Zeit beschäftigt – mit dem Flüchtlingsstrom nach Europa, den Bildern aus den Nachrichten und der gesellschaftlichen Stimmung in Deutschland. Uns war wichtig, daraus keinen abstrakten politischen Film zu machen, sondern eine konkrete und menschliche Geschichte.
Markus hat ein großes Gespür dafür, Figuren ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben. Das hat auch meine Arbeit stark beeinflusst. Im Szenenbild ging es nie darum, etwas zu kommentieren oder zu illustrieren, sondern eine glaubwürdige Realität zu schaffen, in der die Figuren existieren können.

Sie mussten ein komplettes Schiff nachbauen. Können Sie den Aufwand umreißen?
Das Schiff war die größte Herausforderung des gesamten Projekts. Zunächst haben wir lange recherchiert und schließlich in Holland ein Schiff gefunden, das der originalen Iuventa fast baugleich war. Sehr schnell wurde aber klar, dass die aufwendigen Rettungsaktionen auf offener See so nicht realisierbar gewesen wären – weder technisch noch sicherheitstechnisch.
Deshalb entstand die Idee, mit einem „Zwillingspaar“ zu arbeiten: ein echtes, seetaugliches Schiff für die Außenszenen auf offenem Meer und zusätzlich ein kompletter Nachbau für die Rettungssequenzen im Wassertank auf Malta. Dort haben wir große Teile des Schiffs noch einmal vollständig rekonstruiert.
Der Nachbau war eine riesige schwimmfähige Holzkonstruktion von ungefähr 80 Tonnen. Gleichzeitig musste alles absolut glaubwürdig aussehen – bis hin zu Gebrauchsspuren, Rost, improvisierten Umbauten und den funktionalen Details. Für mich war spannend, dass das Schiff im Film fast selbst zu einer Figur wird: Arbeitsraum, Schutzraum und emotionales Zentrum zugleich.
Was war für Sie das Besondere an der Arbeit an 23 000 Leben? Worauf sind Sie besonders stolz?
Besonders war für mich die Verbindung aus politischer Realität und menschlicher Nähe. Der Film erzählt ein hochaktuelles Thema, aber immer aus der Perspektive einzelner Menschen, die versucht haben, etwas zu verändern.
Ich fand es beeindruckend, wie viel junge Menschen mit einer Idee und großer Entschlossenheit bewegen können. Diese Energie wollten wir auch visuell transportieren. Für mich war dabei wichtig, dass die Räume niemals dekorativ wirken. Sie sollten die Emotionen der Figuren spiegeln – ihre Gemeinschaft, ihre Überforderung, ihre Hoffnung und auch die Belastungen, denen sie ausgesetzt sind.
Wenn das Publikum das Gefühl hat, dass diese Welt schon lange existiert hat, bevor wir dort mit der Kamera angekommen sind, dann haben wir vieles richtig gemacht. Und wenn am Ende die Menschen, ihre Geschichte und ihre Emotionen im Gedächtnis bleiben, und nicht das Szenenbild selbst, dann ist das für mich vielleicht die schönste Form von gelungenem Production Design.
VIER FRAGEN · MUSIK
Vier Fragen an Volker Bertelmann (Musik)

Was gefällt Ihnen an dem Film, warum wollten Sie mit dabei sein?
Mir gefällt die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Markus Goller. Ich habe mit ihm schon einige Filme gemacht und in der Zusammenarbeit wird mir viel Freiraum für den kompositorischen Schaffungsprozess gelassen. Der Film 23 000 Leben beschäftigt sich mit einem humanitären Motiv und vor allem mit dem Thema des Rechts von Menschenrettung im Mittelmeer. Diese Geschichte musikalisch zu unterlegen, gefiel mir und hat mich inspiriert.
Wie haben Sie die Arbeit erlebt, insbesondere mit Markus Goller?
Die Arbeit mit Markus Goller ist immer sehr intuitiv und offen. Aus Sicht eines Komponisten ist das eine sehr wirksame und konstruktive Konstellation. Es macht viel Freude, die passende Musik im emotionalen, aber auch im skalierenden Sinne für Markus (Goller) zu schreiben.
Was war die besondere Inspiration für Sie beim Score für 23 000 Leben? Was wollen Sie mit der Musik vermitteln?
Es war wichtig, ein musikalisches Thema zu finden, das für ein Zuhause oder einen Ort steht, den sich jeder Mensch wünscht. Ein Ort für Ruhe, Wohlbefinden und wo man so sein kann, wie man möchte. Dieser Ort geht für viele Menschen in der heutigen Zeit verloren und die Musik sollte dieses Spannungsfeld zwischen Verlust, Hoffnung und Zukunft vermitteln.
Was war für Sie das Besondere an der Arbeit? Worauf sind Sie besonders stolz?
Das Besondere an der Arbeit war, eine Musik zu finden, die klare Emotionen transportiert, ohne dabei klischeehaft zu sein. Diese Linie ist sehr subjektiv. Es war mir in der kompositorischen Arbeit wichtig, das Schicksal der Geflüchteten nicht zu pathetisch zu beschreiben, da es andernfalls sehr schnell in eine entrückte Beschreibung der Realität hätte kippen können. Ich weiß nicht, ob ‚Stolz‘ als beschreibender Zustand hier angebracht ist. Ich glaube aber, ich habe für mich eine gute Musikmischung gefunden, die allen Wünschen und Anforderungen gerecht wird. Und das freut mich und stimmt mich zufrieden.
VIER FRAGEN · KAMERA
Vier Fragen an Frankie DeMarco (Kamera)
Was gefällt Ihnen an dem Film, warum wollten Sie mit dabei sein?
Die Zusammenarbeit mit Regisseur Markus Goller war ein großer Anreiz für mich. Zudem empfand ich das Thema des Films als gleichermaßen fesselnd.
Wie haben Sie die Arbeit erlebt, insbesondere mit Markus Goller?
Obwohl die Dreharbeiten anspruchsvoll waren – insbesondere im Mittelmeerraum –, war jeder einzelne Tag ein Privileg und eine Freude, mit Markus Goller und unseren wunderbaren Teams in Berlin und Malta zusammenzuarbeiten.
Für die Rettungseinsätze im Wassertank auf Malta verwendeten wir vier Kameras: eine auf einem Technocrane, zwei Handkameras und eine Unterwasserkamera. Um Markus Goller, der auch den Filmschnitt verantwortet, eine große Auswahl an Material zu bieten, wechselten wir bei jeder Einstellung konsequent die Perspektiven und Objektive.


Sie mussten auf offener See drehen sowie im Wassertank in Malta? Wie genau lässt sich ein solcher Dreh planen? Können Sie den Aufwand beschreiben?
Die Dreharbeiten waren eine enorme logistische Kraftanstrengung, die durch die akribische Vorbereitung von Regieassistent Fabian Goertz, Regisseur Markus Goller, Szenenbildner Christian Goldbeck und von der Malta Marine Crew erst möglich wurde. Eine der größten Herausforderungen war die nächtliche Sturmsequenz auf der Iuventa.
Anstatt den Sturm – wie üblich – mit künstlichem Top-Licht zu inszenieren, was oft unnatürlich wirkt, entwickelten wir gemeinsam mit Oberbeleuchter Janosch Voss und Key Grip Glen König ein Konzept, das vor allem auf praktische, im Bild sichtbare Lichtquellen setzte. Dieses Wagnis, sich von gängigen Sehgewohnheiten zu lösen, zahlte sich aus: Die authentische Optik der Sturmszenen bestätigte uns in unserem Mut zum Risiko und verlieh der Sequenz eine besondere Glaubwürdigkeit.
Was war für Sie das Besondere an der Arbeit an 23 000 Leben? Worauf sind Sie besonders stolz?
Dies ist eine wahre Geschichte. Sie ist herzzerreißend und zugleich ermutigend. Die meisten der Geflüchteten waren echte Geflüchtete, die genau jenes Drama erlebt hatten, das wir nachstellten. Was das in Berlin ansässige Team von „Jugend Rettet“ geleistet hat, ist eine Bestätigung von Margaret Meads Ausspruch: „Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe nachdenklicher, engagierter Bürger die Welt verändern kann; tatsächlich ist dies das Einzige, was die Welt je verändert hat.“ Ich bin stolz darauf, dass wir ihre Geschichte erzählen konnten.

