23 000 LEBEN
Die Menschen hinter der Mission
STIMMEN UND PERSPEKTIVEN
23 000 LEBEN
Jakob Schoen
Gründer von „Jugend Rettet“ und “Youth Matters”
Am Anfang stand ein Flohmarkt in Berlin Neukölln. Freund*innen hatten Kuchen gebacken, andere Altkleider gesammelt. Wir verkauften alles, was wir finden konnten. Es war März 2016, fünf Monate nachdem ich „Jugend Rettet“ gegründet hatte. Laut unserer Kalkulation brauchten wir mindestens 500.000 Euro, um ein Schiff zu kaufen, umzubauen und erste Monate ziviler Seenotrettung zu finanzieren. An diesem Tag kamen 60 Euro zusammen. In meinem Kopf blieb vor allem ein Gedanke: Noch 499.940 Euro. Wie soll das jemals funktionieren?
Aber es ging weiter. Junge Menschen hörten von uns und bald begannen sie in ganz Deutschland eigene Aktionen zu organisieren: Schulen veranstalteten Spendenläufe, Jugendgruppen sammelten Geld, Werften spendeten Material, alte Rettungsinseln und Arbeitsstunden. Mittelständische Unternehmen, Kirchen, Aktivist*innen, VW-Werks-Azubis und unzählige Ehrenamtliche zogen gemeinsam an einem Strang.
Medien wurden aufmerksam und nach einem Besuch im ARD Morgenmagazin explodierte unsere Crowdfundingkampagne. Menschen, die wir nie zuvor getroffen hatten, wollten helfen. Innerhalb weniger Monate wurde aus einer Idee am WG-Küchentisch eine Organisation, die über eine Million Euro an Spenden mobilisierte und mehrere Jahre zivile Seenotrettung im Mittelmeer ermöglichte. Das Besondere daran war für mich nie nur die Summe oder das Schiff selbst. Beeindruckend war vor allem, dass Hunderte Menschen ehrenamtlich hinter einer gemeinsamen Idee standen und praktisch jeder Euro direkt in das Projekt floss. „Jugend Rettet“ war für mich der Beweis, was entstehen kann, wenn Menschen begeistert werden und das Gefühl haben, Teil von etwas Sinnvollem zu sein. Das hat mich geprägt.
Aus dieser Erfahrung heraus und in Zeiten, in denen Egoismus zunimmt, Gemeinschaft verloren geht und sich immer mehr junge Menschen einsam vor ihren Bildschirmen fühlen, kam mir vor einem Jahr die Idee, “Youth Matters” zu gründen: EHRENORTE. Aufrechte Orte, an denen junge Menschen wieder offline zusammenkommen. Zusammen mit meiner Partnerin in Crime Frieda Kremp schaffen wir deutschlandweit neue Räume. Eine Kombination aus Community Space und Engagementvermittlung.
23 000 LEBEN
Benedikt Funke
…war Kapitän der Iuventa auf den ersten Missionen im Sommer 2016 und übernahm 2017 und 2018 mehrfach die Teamleitung auf einem Einsatzboot der „Aquarius“ von SOS Mediterranee und Ärzte ohne Grenzen. Er ist Vorstandsmitglied von „Jugend Rettet” und Mitglied im Beirat von Sea-Eye. Als Berater für Drehbuch und am Filmset begleitete er den gesamten Produktionsprozess und leitete vor Ort das Cast-Training.
Die Iuventa war ein großartiges Schiff und so waren die Menschen an Bord. Über 200 Freiwillige haben ihren Urlaub, ihre Ersparnisse, ihre Fähigkeiten eingebracht: Seeleute, Ärzt*innen, Rettungssanitäter*innen, Ingenieur*innen – viele von ihnen das erste Mal in ihrem Leben auf einem Schiff. Dazu Tausende Unterstützer*innen, die die Missionen ermöglicht haben. Niemand wurde bezahlt. Was uns antrieb, war die schlichte Weigerung, zu akzeptieren, dass Menschen auf dem Mittelmeer sterben, während Europa zuschaut.
Ich habe Nautik studiert und war als Offizier auf Container- und Kreuzfahrtschiffen um die Welt gefahren, bevor ich als Kapitän auf die Iuventa ging. Die Brücke war das Herz des Schiffes. Hier lief alles zusammen: die Kommunikation mit der italienischen Küstenwache, die Einsatzplanung, die Navigation. Aber die Brücke war auch ein intimer Ort. Morgens der erste Kaffee, persönliche Gespräche, Momente der Stille zwischen den Einsätzen. Genau dieser Ort wurde von italienischen Ermittler*innen verwanzt. Alles abgehört, alles aufgezeichnet, alles vergeblich nach Beweisen durchsucht. Das Schiff haben sie trotzdem beschlagnahmt und damit unsere Einsätze beendet.
Ich erinnere mich an die Momente, wenn ich durch die Fenster auf die Gäste an Bord der Iuventa schaute. Junge Menschen wie wir, mit denselben Bedürfnissen, denselben Hoffnungen. Was uns trennte, war das Glas der Brückenfenster. Und der Geburtsort. Dieser Zufall entscheidet darüber, ob man aus freien Stücken Kapitän eines seetauglichen Schiffes wird oder ungefragt ans Steuer eines überfüllten Schlauchboots gesetzt wird. Für das eine bekommst du Applaus, für das andere wirst du später bestraft. Das Verfahren gegen die Kapitäne der Iuventa wurde eingestellt. Wir konnten uns wehren, wir hatten Ressourcen und öffentliche Aufmerksamkeit. Die Kapitäne der Fluchtboote sorgen genau wie wir dafür, dass Menschen die Überfahrt überleben. Aber dasselbe System, das sie auf diese Boote zwingt, bestraft sie dafür. Daran hat sich nichts geändert. Noch nicht.
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Abdulraman J.
…flüchtete aus Sierra Leone und wurde auf der ersten Mission der Iuventa von der Iuventa-Crew gerettet.
Mein Name ist Abdulraman J. Ich komme aus Sierra Leone – und das ist meine Geschichte:
Mit 14 Jahren musste ich meine Familie und meine Heimat verlassen – eine Entscheidung, die kein Kind freiwillig trifft. Mein Leben war in Gefahr. Ich floh nach Guinea und lernte dort jemanden kennen, der mich auf die Reise nach Europa mitnahm. Unser Weg führte durch Mali, Burkina Faso, Niger und Libyen – immer mit der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Was wir auf dieser Reise erlebt haben, wünsche ich niemandem: Hunger, Angst, Gewalt und Gefangenschaft.
Trotz allem habe ich es geschafft. Dafür bin ich unendlich dankbar. Ohne die Crew der Iuventa, die uns auf dem Meer gerettet und an italienische Schiffe übergeben hat, wäre ich heute nicht hier.
Eines möchte ich sagen: Kein Mensch ist illegal. Jeder Mensch hat das Recht zu leben.
In Deutschland habe ich eine neue Heimat gefunden. Ich durfte hier zur Schule gehen, eine Ausbildung zum Industriemechaniker machen, arbeiten und eine Familie gründen. Heute bin ich Vater von zwei wundervollen Kindern, und unser drittes Kind ist unterwegs.
Seit dem 8. Mai bin ich stolz deutscher Staatsbürger. Deutschland ist für mich mein Zuhause geworden.
Zum Schluss danke ich der gesamten Iuventa-Crew und auch dem Filmteam. Danke, dass ihr diese Geschichte erzählt.
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Sascha Girke
Erste Erfahrungen in der zivilen Seenotrettung sammelte er mit Sea-Watch, bevor er 2016 zur Iuventa kam. Er war als Einsatzleiter Teil der Schiffscrew und einer der vier Angeklagten im Strafprozess gegen die Iuventa-Crew. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Krankenpfleger ist er ehrenamtliches Vorstandsmitglied von „Jugend Rettet e.V.” und weiterhin in der Seenotrettung aktiv. Als Berater für Drehbuch und am Filmset begleitete er den Produktionsprozess und leitete das Cast-Training auf Malta.
Die Mitarbeit am Filmprojekt überspannt für mich eine sehr bedeutende Zeit: Als die ersten Gespräche begannen, war der Strafprozess gegen uns noch voll im Gange. Zum Abschluss der Dreharbeiten hielten wir das endgültige Urteil in den Händen.
Als die Iuventa beschlagnahmt wurde, hieß es öffentlich, sie sei der Beweis, dass NGOs einen Fährdienst für Schleuser betrieben. Was für uns folgte, war eines der längsten, teuersten und aufwändigsten Vorverfahren der italienischen Rechtsgeschichte. Sieben Jahre Ungewissheit: juristisch, politisch, persönlich.
In einer solchen Zeit ein Filmprojekt über die eigene Geschichte zu begleiten und zu sehen, wie sich so viele Menschen trotz des ungewissen Ausgangs mit Energie und Neugier darauf einließen, hatte uns alle sehr darin bestärkt, dass diese Geschichte mehr Menschen erreichen muss.
Spitzel, Undercover-Ermittler*innen, Überwachung, Schmutzkampagnen. Der gegen uns und ehrenamtliche Seenotretter*innen eingesetzte Apparat war enorm. Und der Schaden war real, noch bevor das Urteil fiel. Allein in den sieben Jahren der Beschlagnahme verloren mehr als 10.000 Menschen ihr Leben beim Versuch, der Hölle der libyschen Lager auf dem Seeweg zu entkommen. Die Iuventa hätte einen bedeutenden Beitrag zu ihrer Rettung leisten können, wäre sie nicht beschlagnahmt worden.
Als im April 2024, nach einer siebenjährigen Odyssee, das Verfahren eingestellt wurde, endete es mit einem wegweisenden Urteil. Der Richter stellte fest, dass Flucht aus Libyen zwingend notwendig ist, um sich den dort begangenen Menschenrechtsverletzungen entziehen zu können, und dass die dafür geleistete Fluchthilfe nicht strafbar sein kann. Für uns war das ein Wechselbad der Gefühle.
Es gab die Erleichterung über das Ende des juristischen Schwebezustands und Dankbarkeit für die unglaublich große Unterstützung, die wir aus ganz unterschiedlichen Teilen der Zivilgesellschaft erhalten hatten. Sie hat uns bestärkt: Dieser Kampf war nicht vergebens. Und er ist nicht vorbei.
Und es gab die Wut über die Verluste und Schäden, die das Verfahren angerichtet hatte, die Lebenszeit, Energie und enorme Ressourcen die es verschlungen hatte. Die Iuventa wurde während der Beschlagnahme dem Verfall überlassen und uns als Wrack zurückgegeben.
Das Urteil im Strafprozess ist ein Meilenstein für die gesamte zivile Seenotrettung. Doch nicht das Ende dieser Geschichte. „Iuventa – Jugend Rettet e.V.” verklagt den italienischen Staat auf Schadensersatz, um nicht auf den Kosten für das Verfahren und den Schäden am Schiff sitzen zu bleiben. Die Gründe, warum „Iuventa – Jugend Rettet e.V.” einst entstand, bleiben bestehen. Täglich sterben Menschen bei der Flucht über das Mittelmeer. Deshalb sind wir weiterhin Teil der zivilen Seenotrettung und unterstützen Menschen, die wie wir als mutmaßliche Schleuser*innen kriminalisiert werden.
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Titus Molkenbur
… war Gründungsmitglied von Jugend Rettet. Er hat den Umbau der Iuventa zum Seenotrettungsschiff geleitet, war Missionskoordinator und Sprecher der Organisation. Später arbeitete er als Geschäftsleiter von United4Rescue. Heute ist er geschäftsführender Vorstand von Sea-Watch e.V. Als Berater begleitete er die Produktion.
Meine persönliche „Jugend Rettet”-Feuertaufe war der Umbau der Iuventa in Emden. Wir haben jeden Tag 18 Stunden auf der Werft verbracht: Mit 20 Leuten wurde täglich ausgeräumt, entrostet, rausgerissen, verklebt, geschweißt und gemalt. Auf einmal hatten wir ein Hospital, ein Schnellboot und 800 Rettungswesten an Bord und eine große Flagge mit unserem Logo. Dann ging das Boot auf die Reise. Mit motivierten Menschen, die Erfahrung hatten und mitfahren wollten. Der Stein war endgültig ins Rollen geraten.
Etwas mehr als ein Jahr später, am 5. Mai 2017, stand ich an Bord der Iuventa, als wir in den Hafen von Lampedusa einfuhren. Wir hatten fünf Jugendliche an Bord und waren gezwungen worden, die aktive Rettungsoperation abzubrechen, um sie dorthin zu bringen. Der nächtliche Hafen war erleuchtet vom Blaulicht unzähliger Fahrzeuge von Polizei, Küstenwache und anderen staatlichen Organen. An diesem Tag sind 500 Menschen im Mittelmeer verschollen. Menschen, die wir hätten retten können. Später erfuhren wir, dass wir nur deshalb nach Lampedusa gezwungen worden waren, damit die Polizei das Schiff im Zuge ihrer Ermittlungen verwanzen konnte.
Als die italienischen Behörden die Iuventa schließlich beschlagnahmten, und unsere Crew mit einem jahrelangen Prozess drangsalierten, endeten unsere Rettungen. Zu hart war dieser Schlag.
Als Vorstand von Sea-Watch erlebe ich, dass die Kriminalisierung nicht aufhört. Auch das Sterben geht weiter: Seit 2014, dem Beginn der Aufzeichnung, sind über 32.000 Menschen im Mittelmeer ertrunken.
Das Jahr 2026 ist bislang das tödlichste Jahr im Mittelmeer seit 2014. Die Seenotrettung wird systematisch untergraben, kriminalisiert, attackiert und beschossen. Trotz allem retten wir mit unseren Schiffen weiter. Mit unseren Flugzeugen leisten wir Luftaufklärung und dokumentieren Menschenrechtsverbrechen.
Die Geschichte von „Jugend Rettet” erzählt vom Glauben daran, dass eine bessere Welt für alle möglich ist, wenn wir gemeinsam für sie kämpfen. Denn wenn wir als Gruppe stark genug sind, können wir auch stärker gegen gewaltvolle Politik aufstehen. Gemeinschaft ist Widerstand. Viele der damaligen Aktivist*innen sind immer noch aktiv, ob im Kampf gegen Rechts, oder in der Seenotrettung. Seit 2015 waren zivile Seenotrettungsorganisationen an der Rettung von über 175.000 Menschen beteiligt. Wir retten weiter, bis niemand mehr ertrinken muss. Egal, wie stark der Gegenwind wird.