23 000 LEBEN

Die Filmemacher

Ein Gespräch mit Markus Goller, Oliver Ziegenbalg,Christopher Zwickle und

Ein Statement von Michele Cinque

Startschuss

Produzent Christopher Zwickler

Christopher Zwickler

Eine ehemalige Mitarbeiterin in meiner Produktionsfirma war seinerzeit an dem Dokumentarfilm von Michele Cinque über die Iuventa beteiligt. Als sie mir davon erzählte, klang das für mich unglaublich spannend, diese Geschichte junger Leute, die die Welt ein Stück weit besser machen, Menschen retten wollen und dabei in eine David-gegen-Goliath-Situation mit der italienischen Regierung geraten, die das Schiff konfisziert und sie vor Gericht bringt. Ich besuchte eine Vorführung des Films, als er in einem kleinen Kino in Kreuzberg gezeigt wurde. Der Film hat mich einfach nicht mehr losgelassen. Es folgte ein zweites Screening, diesmal in Anwesenheit des Regisseurs.

Ich wollte die Chance nutzen, Michele Cinque anzusprechen und mich mit ihm auszutauschen, ihm von dem Gedanken zu erzählen, aus der Geschichte einen Spielfilm zu machen. Für mich war das fast naheliegend: Die Ereignisse hatten selbst eine fast schon filmische Dramaturgie, nur dass sie hier von der Realität vorgegeben wurden. Ich fand aber auch die Perspektive von Micheles Film interessant. Es gibt bereits wichtige Filme, die aus der Sicht der Menschen auf der Flucht erzählen, wie Io Capitano oder The Swimmers. Die Geschichten der anderen Seite gab es so noch nicht. Und ich fand es zwingend, den Film so zu erzählen. Es ist spannend und faszinierend, über den Blickwinkel der jungen Leute in die Situation hineingezogen zu werden, hautnah mitzuerleben, was da wirklich passiert.

Als ich mit Michele Cinque sprach, sagte ich ihm, dass viel mehr Leute die unglaubliche Geschichte von Jugend Rettet und der Iuventa kennen sollten. Der Dokumentarfilm war bereits auf Festivals gelaufen, hatte gute Kritiken und kam auch ins Kino. Aber ein Dokumentarfilm findet natürlich selten ein Millionenpublikum. Das Potenzial diese wichtige Geschichte mit den Mitteln eines Spielfilms zu erzählen, schien mir jedenfalls viel größer zu sein.

Ich kam mit Sasha Bühler von Netflix ins Gespräch, die ebenfalls Feuer und Flamme war und sich das Projekt mit einem passenden Drehbuchautor und Regisseur vorstellen konnte. Also habe ich Oliver Ziegenbalg angeschrieben, den ich als Autor ungeheuer schätze, und habe ihm einfach nur den Trailer des Dokumentarfilms mitgeschickt. Mir war bewusst, dass Oliver Ziegenbalg und Markus Goller mit ihrer Firma Sunnysideup Film GmbH eigentlich ausschließlich ihre eigenen Projekte machen. Ich musste es aber einfach probieren. Eine halbe Stunde nachdem ich meine Email verschickt hatte, rief mich Oliver Ziegenbalg an. Er war absolut angetan von der Geschichte. So ist der Stoff bei Oliver Ziegenbalg und Markus Goller gelandet.

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Oliver Ziegenbalg

Oliver Ziegenbalg

Es war an einem Wochenende, da lese ich eigentlich keine beruflichen Mails. Dann kam die Nachricht von Christopher. Der erste Impuls war tatsächlich: Wir haben doch eigene Projekte, wir nehmen keine anderen Stoffe an. Aber dann war da dieser Trailer von Micheles Dokumentarfilm Iuventa. Innerhalb von zwei Minuten saß ich mit einem Kloß im Hals da und dachte: Ist das krass, diese jungen Leute, die da mit so viel Engagement und Herz aufbrechen und auf diese brutale Realität treffen. Den Trailer habe ich mit meinen Kindern zusammen angeschaut. Christopher habe ich deshalb sofort angerufen, weil ich gemerkt habe, was der Trailer mit meinen Kindern anstellt, die damals zehn und zwölf Jahre alt waren und auf einer emotionalen Ebene sofort mitbekommen und verstanden haben, was das für eine Wucht hat.

Ich fragte Christopher, ob er sich vorstellen könnte, den Film zusammen mit unserer Sunnysideup und demnach auch mit Markus Goller als Regisseur zu machen. Es war nicht nur kein Problem, sondern sogar gewünscht.

Markus und ich legten alle anderen Projekte zur Seite. Wir haben uns auf diesen Stoff gestürzt, weil klar war, dass es sich um eine Now-or-Never-Situation handelte. Das ist JETZT ein Thema, das muss JETZT gemacht werden. Es ist wichtig, dass das HEUTE erzählt wird. Dass auch Netflix schon an Bord war, gab den letzten Ausschlag. Die Konstellation stand unter einem günstigen Stern. Wir waren zu viert: Christopher, Michele, Markus und ich, und haben das Projekt in enger Abstimmung angepackt. Michele weiß alles über das Thema, ist ein absoluter Experte, hat den Kontakt in die Seenotrettungs-Szene, kennt die Leute. Ich wusste nichts. Ohne ihn wäre das Schreiben nicht möglich gewesen.

Zudem habe ich erst einmal 50 Stunden Dokumentarmaterial gesichtet, um einen Überblick zu bekommen. Der Anspruch war dabei, alles so real wie möglich zu erzählen, so nah wie möglich dran an den Dingen, wie sie wirklich passiert sind. Und gleichzeitig einen Film zu machen, der inspirierend ist und aus der Sicht dieser jungen Menschen erzählt. Es konnte nicht aus mehreren Blickwinkeln erzählt werden. Es ist die Geschichte einer Gruppe junger Menschen aus Deutschland, die das Gezeigte wirklich erlebt haben. Es ist ihre Perspektive, und es ist auch die Perspektive, die wir erzählen können und dürfen.

Was aber nicht heißt, dass es ein Film ist, in dem es nur um sie geht. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall: Mit ihnen gehen wir in diese Welt hinein, tasten uns rein, lernen sie kennen. Wichtig war, dass die Refugees ebenso zu Wort kommen, dass sie Charaktere sein würden, keine Skizzen. Deshalb stand fest, dass wir viele dieser Rollen mit echten Geflüchteten besetzen würden. Wir wollten es richtig machen. So häufig wird man im Leben nicht dazu kommen, einen Film zu machen, der eine solche Größe hat, der eine solche Anforderung an uns alle stellt, mit dem auch viele Risiken verbunden sind, da es Seiten des politischen Spektrums missfallen könnte.

MENSCHSEIN

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Markus Goller

Ich finde es unglaublich, wie so ein junger Mensch etwas sieht, ein Unrecht wahrnimmt, dass da Menschen ertrinken und niemand etwas tut, und sich dann einfach selbst aufmacht und versucht, etwas zu verändern. Mich bewegt zutiefst, dass das nicht einfach beim Willen bleibt, sondern eine echte Größe bekommt, einen echten Eindruck hinterlässt. Kraft seiner Überzeugung versammelt er Gleichgesinnte um sich, macht ein Schiff klar, fährt wirklich da runter und macht einen Unterschied. Wichtig daran ist, dass wir Menschen uns auch als Menschen sehen. Es geht nicht um Rollenmuster, Herkunft oder Identität, all das, was uns daran hindert, zueinander zu finden. Es geht einfach pur ums Menschsein. Das sind die Geschichten, die wir uns erzählen müssen – in diesem Fall eine wahre Geschichte, die wirklich unglaublich ist. Oliver und ich haben uns gefragt: Wie muss man die Geschichte erzählen? Uns war klar, dass der Film die von uns gewünschte Wirkung nur dann entfalten kann, wenn man ihn aus diesem Menschen heraus erzählt, der das alles in Bewegung gesetzt und schließlich auch umgesetzt hat.

Mir war es wichtig, einen Film zu machen, der inspiriert. Jeder kann den Unterschied machen, kann etwas bewirken, aller Widerstände zum Trotz. Es muss möglich sein, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen, dass wir uns respektieren, dass wir uns zuhören, einander Verständnis entgegenbringen. Wir waren froh, dass wir am Schluss des Films auch noch eine Klammer setzen konnten: Nach sieben Jahren wurde die Besatzung der Iuventa vor einem italienischen Gericht in allen Anklagepunkten freigesprochen. Der Film endet mit einem kleinen Triumph.

Nah an den Figuren

Oliver Ziegenbalg

Oliver Ziegenbalg

Damit ein Film mit seiner Botschaft - und die hat 23 000 Leben unbedingt - durchdringen kann, muss er erst einmal als Film funktionieren. Er muss unterhalten, er muss sein Publikum abholen. Deshalb gab es beim Schreiben eine Prämisse: Wenn dieser Film erfunden wirkt, fliegt er uns um die Ohren. Wir konnten und durften keinen Quatsch erzählen. Es musste stimmen. Wir konnten sehr gut auf den Dokumentarfilm zurückgreifen, der eine gute Basis bildete. Was man mit einem Spielfilm aber zusätzlich leisten kann: Man kann ganz nah ran an die Figuren, man kann ihre Emotionen in den Vordergrund bringen. Unser Ziel war es, eine emotionale Geschichte entlang dieser Menschen zu erzählen. Das ist das, was ein Spielfilm kann. Er kann Dinge zeigen, zu denen ein Dokumentarfilm nie in der Lage wäre. In dem Moment wird es eine Geschichte, die gar nicht mehr die Botschaft vor sich her trägt.

Ich erlebe mit diesen jungen Menschen, was sie spüren, was sie empfinden, was sie gerne haben wollen. Dann macht man diese Reise mit und ist mit ihnen dabei, teilt die Gefühle der Protagonist*innen.

Man durfte gar nicht in jeder Szene versuchen, eine Botschaft zu übermitteln. Wir haben schnell gespürt, dass der Film das auch nicht benötigt. Es steckt ohnehin in seiner DNA, seinem Gencode, seiner Konstruktion. Wir haben das beim Schnitt sofort gespürt, wenn man den Eindruck bekam, der Film würde versuchen, den Zuschauer zu belehren. Das haben wir entsprechend abgeschwächt. Der Film selbst hat uns gesagt, was er braucht.

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Besondere Dreharbeiten

Produzent Christopher Zwickler

Christopher Zwickler

Erst einmal war es ein unglaublicher Vorteil, dass wir mit Oliver und Markus zwei erfahrene Filmemacher mit an Bord hatten, die selbst Produzenten sind und bei 23 000 Leben neben ihren Funktionen als Regisseur und Autor auch als Produzenten mit dazu kamen. Sie können mit hohen Budgets und großen Sets umgehen.

Trotzdem war es für uns alle immer wieder neues Terrain, auf das wir uns einlassen mussten. Wir haben auf Malta gedreht, in einem der größten Wassertanks der Welt, wo schon die größten Filmemacher der Welt gearbeitet haben – vor uns gerade Gladiator II und der neue Jurassic World - und mussten uns erst einmal mit den einhergehenden Sicherheitsthemen arrangieren. Zudem haben wir über mehrere Monate ein mehr oder weniger baugleiches Boot der Iuventa gesucht. Als wir dann das Passende gefunden hatten, hatte es nicht die richtige Farbe und wir mussten es noch einmal komplett umstreichen. Dieses Boot mussten wir für den Wassertank, der nur zwei Meter tief ist, in Form einer Holzreplik noch einmal nachbauen, wenn auch nur von einer Seite.

Die vielen „Survivors“ wie wir die Menschen auf der Flucht genannt haben, haben wir für den Film hauptsächlich in Malta und Italien gesucht. Weil viele von ihnen einen eigenen Flucht-Hintergrund hatten, haben wir sehr darauf geachtet, dass sie durch die Dreharbeiten nicht eine Retraumatisierung erfahren. Dafür haben wir eine Coachin zum Dreh kommen lassen, Barbara Santos, die in Berlin Theaterprojekte mit Geflüchteten umsetzt. Mit ihr und Michele Cinque haben wir intensiv erarbeitet, wie man den Dreh am besten umsetzt, wie man diejenigen, die die Menschen auf der Flucht portraitieren, am besten vorbereitet. Wir haben aufwändige Empowerment-Workshops und Proben vor den eigentlichen Drehtagen organisiert. Es ist toll, mit Netflix einen Partner an der Seite zu haben, die diese Vorgehensweise unterstützt und ermöglicht haben.

Es gab also viele Themen, die einen aber natürlich auch positiv fordern, auf die man sich gerne einlässt, eine permanente spannende Herausforderung. Wir sind mit großem Respekt an die Umsetzung gegangen, wollten möglichst große Authentizität.

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Markus Goller

Wir sind alle belohnt worden mit vielen Gänsehautmomenten, die wir nicht wieder vergessen werden. Einmal saßen die Komparsen im Tank in ihrem Schlauchboot und warteten darauf, abgeholt zu werden. Und auf einmal fingen sie an zu singen, und das gesamte Set stimmte ein. Wir alle zogen an einem Strang, teilten die Emotionen.

Der Dreh auf dem Wasser war aus vielen Gründen eine besondere Herausforderung. Wenn wir mit dem Schiff auf dem Meer waren, kamen auf einmal Wellen, mit denen nicht zu rechnen war, weil eigentlich kein besonders starker Wind war. Dann begann das Boot zu wackeln, und wir mussten den Dreh unterbrechen, bis sich der Seegang wieder beruhigt hatte. Um das Schiff herum hatten wir stets drei oder vier Zusatzboote, die ebenfalls koordiniert werden mussten. Die Logistik war ohnehin außergewöhnlich anspruchsvoll, dazu kam die Abhängigkeit vom Wetter. Wir mussten immer flexibel sein, stets auf die Umstände reagieren. Ich bin sehr stolz, wie wir das hinbekommen haben, dass wirklich alles geklappt hat.

Beim Machen des Filmes war für mich beeindruckend, dass wir einen sehr leidenschaftlichen und tollen Zugriff zu den Menschen hatten, die das, was wir zeigen, wirklich erlebt haben. Sie haben uns nicht nur beim Drehbuch beraten, sondern haben uns in der kompletten Vorbereitung fortwährend unterstützt. Sie waren natürlich auch ans Set eingeladen und konnten uns dort mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wie funktioniert so ein Schiff? Wie funktioniert das mit den Rettungen? Das kann man natürlich auch in der Dokumentation sehen. Aber hier waren Menschen, die das wirklich gemacht haben und auch immer noch machen.

Die Berater und Zeitzeugen haben auch die Schauspieler*innen sehr gut auf den realen Fall eines Einsatzes vorbereitet. Louis (Hofmann) und Maria (Dragus) waren eine Woche lang in einem Training im Mittelmeer bei Sea Watch mit auf dem Boot, nachdem sie zuvor an Land vorbereitet wurden.

Am Set hatten wir zudem Zugriff auf den Head of Mission der damaligen Iuventa, Sascha Girke, und Benedikt Funke, der Kapitän der damaligen Iuventa. Für die Schauspieler*innen war das unheimlich gut, weil sie in diese Welt mit dem Enthusiasmus und humanitären Einsatz dieser Menschen reinschauen konnten.

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Vor der Kamera

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Markus Goller

Bei der Besetzung war Nina Haun als Casterin maßgeblich beteiligt. Auch hier hatten wir einen ganz tollen Austausch mit Netflix. Bei Louis Hofmann hat sich schnell herauskristallisiert, dass er ideal für die Hauptrolle wäre. Glücklicherweise hat er schnell zugesagt. Mala Emde war auch rasch gesetzt. Nach und nach kamen Katharina Stark, Luisa-Céline Gaffron und Maria Dragus dazu. Bei Maria war es spannend, dass sie zu dieser Zeit einen Seebootschein gemacht hat und tatsächlich Kapitänin geworden ist. Frederick Lau ist ohnehin ein alter Freund und Weggefährte. Wir hatten zudem das Glück, Corinna Harfouch, Franka Potente und Ulrich Matthes für Gastrollen ansprechen zu können. Und alle waren mit dabei!

Oliver Ziegenbalg

Oliver Ziegenbalg

Es ist ein All-Star-Cast geworden, auch wenn das überhaupt nicht unser Ziel war. Aber es ist auch selten, dass es so viele Rollen gibt, die interessant sind. Hier ist es tatsächlich so, dass man ganz tief in das Ensemble die Rollen gut besetzen konnte, weil jede von ihnen interessant zu spielen war.

Was bleibt…

Produzent Christopher Zwickler

Christopher Zwickler

23 000 Leben ist eine lokale Netflix-Produktion mit einer Geschichte, die in Berlin ihren Anfang nimmt. Gleichzeitig hat sie eine europäische und globale Dimension. Über allem steht aber die menschliche Ebene – eine Geschichte über Mut, Mitgefühl und die Frage, was Einzelne bewegen können. In Zeiten voller Krisen und Kriege sind solche Botschaften in meinen Augen wichtiger denn je.

Gleichzeitig müssen wir uns vor Augen führen, dass die Situation auf dem Mittelmeer auch heute noch genauso brisant ist: Noch immer sterben Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer oder werden vermisst – im Durchschnitt 27 Menschen pro Tag. Wenn unser Film dazu beiträgt, dass sich mehr Menschen mit dieser Realität auseinandersetzen, dann hat er schon viel erreicht.

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Michele Cinque

Filmemacher, Regisseur des Dokumentarfilms Iuventa und Creative Producer von 23 000 Leben

Authentizität war für mich von Anfang an das Herzstück dieses Projekts. Ich spürte sofort eine starke Verantwortung darin, einen Film über dieses Thema und die Geschichte der Iuventa zu produzieren – insbesondere im Nachgang eines sieben Jahre langen politischen Prozesses, der gerade zu Ende gegangen war. Mein Dokumentarfilm Iuventa, der ab dem 27. Juli auf Netflix verfügbar sein wird, war sicherlich der Ausgangspunkt. Doch die Entstehung dieses Films erforderte eine kollektive Anstrengung – sowohl im Schreibprozess als auch am Set. Gemeinsam mit dem Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg arbeitete ich eng mit mehreren Freiwilligen zusammen, die in verschiedenen Rollen am Iuventa-Projekt beteiligt gewesen waren, sowie mit Menschen, die Europa über das Mittelmeer erreicht hatten. Sie teilten ihre Geschichten mit uns, halfen dabei, Dialoge zu gestalten, und diskutierten gemeinsam mit uns die Entwicklung der Handlung. Dank ihnen allen konnten wir ein Drehbuch und eine filmische Darstellung entwickeln, die nicht nur das Schicksal des Schiffes und der beteiligten Menschen getreu nachzeichnet, sondern auch die komplexen Dynamiken hinter Migration und dem Iuventa-Verfahren – das den Beginn der Kriminalisierung ziviler Such- und Rettungsoperationen auf See markierte.

Gemeinsam mit Sascha Girke, dem ehemaligen Head of Mission und einem der Angeklagten im Iuventa-Prozess, sowie Kapitän Benedikt Funke begleiteten wir die Produktion in Berlin und Malta und diskutierten Szenen mit Markus Goller und den Schauspielerinnen und Schauspielern, wann immer wir das Gefühl hatten, dass etwas verbessert oder genauer dargestellt werden könnte. Wir arbeiteten eng mit verschiedenen Abteilungen zusammen, insbesondere mit dem Production Design, der Art Department und dem Kostümbild, teilten unser Wissen und halfen dabei, die Welt zu gestalten, die sie auf die Leinwand brachten. Gemeinsam mit Louis Hofmann und Maria Dragus reisten wir nach Lampedusa und verbrachten mehrere Tage an Bord der Aurora, dem Such- und Rettungsschiff von Sea-Watch, wo wir an einem speziellen Trainingsprogramm teilnahmen – gemeinsam mit einer Crew, die sich auf den Einsatz im zentralen Mittelmeer vorbereitete.

Doch all diese Bemühungen halfen uns nur dabei, die eine Hälfte der Geschichte zu erzählen. Wir widmeten enorme Aufmerksamkeit der Suche nach den Menschen, die die von der Iuventa geretteten Überlebenden verkörpern sollten – Menschen, deren Erfahrungen im Mittelpunkt des Films stehen.

Dafür entwickelten wir einen sorgfältig konzipierten Casting-Prozess in Malta sowie eine parallele Suche in Italien, an der einige der Protagonisten aus Garrones Io Capitano beteiligt waren. Ich reiste persönlich nach Malta, um jeden Kandidaten auf der Shortlist zu treffen, ihre Geschichten kennenzulernen und sie direkt mit dem Projekt vertraut zu machen. Ich traf nigerianische Studierende und Menschen, die mit Arbeitsvisum aus allen Teilen des afrikanischen Kontinents gekommen waren. Ich traf Reisende, die Malta als Touristen besuchten, aber auch Menschen, die das Meer überquert hatten – jeder mit seiner eigenen schweren Vergangenheit, die sie oft gelernt hatten zu verbergen, denn in Malta ist das Eingestehen, „mit dem Boot angekommen zu sein", fast so etwas wie eine Erbsünde. Dieser Prozess ermöglichte es mir auch, außergewöhnliche Talente zu entdecken, wie Mohammed Tharwat, der ein Mitglied der libyschen Miliz spielt, und Amara Kromah, der Lucas während des Sturms ins Meer wirft.

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Um die Überlebenden darzustellen, brauchten wir rund 200 Menschen, die in der Lage waren, emotionale Wahrhaftigkeit auf die Leinwand zu bringen – Menschen, die verstehen, was es bedeutet, Wüste und Meer auf der Suche nach Sicherheit zu überqueren. Das war komplex, denn es galt, nicht nur Angst, Verzweiflung und Erschöpfung darzustellen, sondern auch Freude und Hoffnung. Die Menschen, die diese Emotionen am besten nachvollziehen konnten, hatten oft selbst einen Migrationshintergrund – doch sie zu bitten, diese Szenen zu spielen, setzte sie auch dem Risiko einer Retraumatisierung aus. Ich fragte jeden von ihnen persönlich, ob sie bereit seien, ihr eigenes Trauma erneut zu durchleben und die damit verbundenen Risiken auf sich zu nehmen. Die Antwort war einhellig: Diejenigen, die selbst das Meer überquert hatten, waren oft am stärksten motiviert, mit uns zu arbeiten. Wir waren dankbar dafür, wussten aber, dass wir uns auf sensibles Terrain begaben und einer ethischen Grenze näherten, die nicht auf die leichte Schulter genommen werden durfte. Aus diesem Grund richteten wir gemeinsam mit Christopher Zwickler eine psychologische Betreuungsabteilung ein, die von Nastaran Tajeri geleitet wurde und uns an den intensivsten Drehtagen begleitete.

Wir hatten die richtigen Menschen gefunden und ein sicheres Arbeitsumfeld geschaffen – doch ein wesentliches Element fehlte noch. Wir mussten ein echtes Gemeinschaftsgefühl entstehen lassen, das die Bindungen widerspiegelt, die sich unter Menschen, die gemeinsam das Mittelmeer überqueren, oft entwickeln, und gleichzeitig denjenigen mit eigener Erfahrung dieser Reise ermöglichen, ihre emotionale Realität an den Rest der Besetzung weiterzugeben.

Um diesen Prozess zu unterstützen, organisierten wir einen Workshop mit der Schauspielerin, Regisseurin und Coach Barbara Santos. Dank ihr entstand etwas wirklich Besonderes. Im Laufe von drei Tagen arbeiteten wir mit allen Komparsinnen und Komparsen daran, die emotionale Wahrhaftigkeit auf die Leinwand zu bringen, die der Film erforderte. Für diejenigen, die Libyen und die Meeresüberquerung selbst erlebt hatten, wurde der Workshop zu einer Gelegenheit, Emotionen zu teilen, die sonst dem Trauma vorbehalten sind – und gelebte Erfahrung in eine Quelle von Stärke, Würde und kollektiver Ermächtigung zu verwandeln. Wir entwickelten ein neues Protokoll, das nicht nur darauf abzielte, Darstellerinnen und Darsteller zu schulen, sondern auch darauf, der gelebten Erfahrung durch den schauspielerischen Prozess selbst ihre Würde zurückzugeben. Aus diesem Grund gibt es in 23.000 Leben keine Opfer – nur mutige Überlebende einer der größten Tragödien unserer Zeit.